Dirk Prüter

Island mal anders

Island rockt, Island fasziniert, Island weckt Sehnsüchte. So wie Du Dich für dieses Buch interessierst, so erging es auch Dirk Prüter. 2016 hält ihn nichts mehr. Mit einem Liegedreirad sowie Zelt und Kocher im Gepäck bricht er auf in den Norden Dänemarks, setzt von dort aus mit der Fähre über, dann liegen acht Wochen auf der Vulkaninsel vor ihm. Acht Wochen, in denen er das Land so gut wie umrundet, einmal durchquert, von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit strampelt und für sich feststellt: Nicht die Touristenmagnete sind es, die ihn begeistern, sondern die Kilometer dazwischen.

Island mal anders entführt Dich auf diese Reise. Island mal anders lässt Dich vor Wasserfällen aufwachen, in Vulkanlandschaften eintauchen und fast schreiend vor einer Gletscherlagune davon rennen. Island mal anders nimmt Dich mit auf die Pisten des Landes, in Hot-Pots sowie in Begegnungen. Island mal anders kurbelt an Deinem Gedankenkarussell, beflügelt Deine Fantasie und rüttelt an Werten.

Erhältlich für 15,00 € als Taschenbuch beim Autor sowie im Buchhandel beziehungsweise für 9,99 € als E-Book.

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Leseprobe

Seyðisfjörður

Ich habe noch keinen festen Boden unter den Füßen, da bin ich bereits begeistert. Meine Anreise gleicht einer perfekten Inszenierung. Schritt für Schritt wuchs die Spannung, bevor der Knoten platzt, wird der Höhepunkt noch eine gefühlte kleine Ewigkeit gehalten.
Beginnen taten die drei Tage an Bord der Norröna harmlos. Menschen strömten auf das Schiff, suchten ihre Kabinen, man knüpfte erste Kontakte, schaute, wie man die Zeit tot schlägt. Ich wollte mir den ersten Abend damit vertreiben, 22 Herren zuzuschauen, wie sie über einen Rasen rennen, einer Lederpocke hinterher, wollte Fußball gucken. Am Tresen einer Rezeption erfuhr ich, dass dem nichts entgegen stünde. Man übertrage eine Begegnung. Manchester United gegen Arsenal London. Ich konnte nicht glauben, was ich hörte. Manchester? Arsenal? Klar, man beförderte internationales Publikum, doch ich war als Deutscher nicht allein. An dem Abend wurde in Berlin das DFB Pokalfinale ausgetragen. Gegeneinander an traten Bayern München und Borussia Dortmund. Ich insistierte, die Dame mir gegenüber jedoch hielt sich unverbindlich. Sie wolle schauen, was sich machen ließe.

Als der Anpfiff näher rückte, schlenderte ich durch die Salons. Aus einem schallten vertraute Fangesänge. Man hatte improvisiert, Leinwand und Beamer aufgestellt und übertrug die Partie. Klasse. Abend gerettet. Zudem, wie sich zeigen sollte: Unterhaltung vom Feinsten. Trotz torloser regulärer Spielzeit. In der Verlängerung fiel ebenfalls kein Treffer. Dennoch, die Männer auf dem Platz gaben alles. Dass am Ende die Spieler des falschen Teams die Trophäe in den Nachthimmel reckten? Egal. Ansichtssache, Schicksal. Glück für die Einen, Pech für die Anderen, gewollte und grausame Konsequenz des Elfmeterschießens. Hinderte aber auch die Unterlegenen nicht daran, das Spielfeld hoch erhobenen Hauptes zu verlassen. Mindestens ebenso schön: Der Funke sprang über. Die nicht gerade wenigen, die das Geschehen mit verfolgten, waren in ihrer Leidenschaft vereint. Man litt, man hoffte, man bangte, man fieberte, am Ende: Erlösung.
Weniger aufreibend der Sonntag. Ein kompletter Tag auf See. Das Wetter meinte es gut. Sanftes Wogen, blauer Himmel. Ich unterhielt mich mit Mitreisenden, wir ließen uns aus über Gott und die Welt, philosophierten, gaben Anekdoten voran gegangener Reisen zum Besten. Am Nachmittag zogen in einigen Kilometern Entfernung die Shetlands vorbei. Schön. Wer es rechtzeitig geschafft hatte, saß im Liegestuhl, streckte die Beine aus, genoss die Sonne sowie den Anblick der Inseln in der Ferne, während über den Köpfen die Basstölpel kreisten. Ich schaffte es rechtzeitig. Dass mich am Abend mit dem Gang zum Buffet ein flaues Gefühl beschlich? Ein Grund erschloss sich mir nicht. Weder war das Meer aufgewühlt, noch peitschten Stürme darüber hinweg. Wahrscheinlich der Wink mit dem Zaunpfahl, mich in Dankbarkeit und Demut zu üben. Nicht jede Überfahrt dürfte so harmonisch verlaufen. In der Koje und nach Einwurf einer Reisetablette legte sich das Unwohlsein schließlich ebenso schnell, wie es aufkam.
Als ich am Montag erwachte ruhte das Schiff. Zwischenstopp auf den Faröern. Gänsehaut. An über 300 Tagen im Jahr regnet es auf den Schafsinseln. Ich lerne das Archipel an einem der verbleibenden Tage kennen. Sonnenaufgang in Tórshavn, der Hauptstadt der Inselgruppe – welch ein Erwachen. Kleine bunte Häuschen erstrahlten im Licht des anbrechenden Tages, Hafenkulisse und Himmel spiegelten sich im Wasser – Anblicke wie in einem Bilderbuch.
Die Fahrt am Nachmittag durch den nordöstlichen Teil der Inselwelt? Nicht minder spektakulär. Die Fähre glitt vorbei an schroffem Gestein, grünen Hängen und Schnee bedeckten Gipfeln. Was sich mal steil aus dem Meer erhob und scheinbar zum Greifen nah war, schmiegte sich anderswo sanft in die Fluten. Ein Vorgeschmack vom Feinsten!
Dienstag Morgen schließlich das Finale. Ein grandioses. Ein Wiederholungstäter riet mir, früh aufzustehen. Das langsame Zusteuern auf Island sei etwas Einmaliges. Ich sollte es mir nicht entgehen lassen. Entsprechend stellte ich mir den Wecker. Fünf Uhr ist keine Zeit, zu der ich von alleine wach werde. Doch was tut man nicht alles, bekommt man dafür etwas geboten. Als ich an Deck stand hätte ich heulen können. Ich sah: Nichts. Um mich herum nur Suppe. Graue, dichte Schwaden. Nebel. Sichtweite? Keine Ahnung. Zehn Meter, zwanzig Meter, Fünfzig Meter? Wahrscheinlich je nach Wolke, durch die wir gerade fuhren. Das Einzige, was zu sehen war, war die Bordwand. Ansonsten nichts, das näher rückte. Irgendwann schließlich mehrten sich Stimmen, dass es nicht mehr weit sein könne. Stimmen derer, die mit ihren Handys Signale empfingen. Signale isländischer Mobil­funk­netze. Augenblicke später war es dann so weit. Der Schleier lichtete sich, der Vorhang fiel. Ein Paukenschlag für großes Kino.
Als wir im Osten Islands in den Fjord einlaufen, schaudert es mich. Würden sich weniger Härchen sträuben, wäre der Fahrtwind nicht gar so frisch oder läge die Temperatur höher als gefühlt nur knapp über dem Gefrierpunkt? Schwer zu sagen. Wahrscheinlich nicht. Was wir sehen verschlägt nicht nur mir die Sprache – das ersehnte Land. Wie an einem Schaufenster gleiten wir daran vorbei. Für den Moment dürfen wir nur gucken. Anfassen? Begreifen? Später. Alles zu seiner Zeit.
Die Situation hat etwas Unwirkliches. Der Anblick ist fast kitschig. Der strahlend blaue Himmel, letzte sich auflösende Wolkenfetzen, rechts und links Felswände – einige hundert Meter empor ragend, vor uns der Fjord. Seyðisfjörður. Auf gut 15 Kilometern Länge zieht er sich immer enger zu, am Ende liegt der gleichnamige Ort.
Ich komme mir vor, als tauche ich ein in eine Modellbaulandschaft. Bunte Häuser finden sich fast liebevoll lose arrangiert am Fuße Schnee bedeckter Hänge, hier und da ist in Ufernähe ein Fischkutter zu sehen. Über Nacht ausgelegte Netze wollen wieder eingeholt werden. Mittendrin der mächtige Pott, auf dessen Außendeck nicht nur ich, sondern die meisten der an Bord befindlichen Passagiere die Szenerie andächtig bestaunen.
Eine gute Stunde später liegt der Stahlriese fest vertäut am Anleger. Die tiefe Ergriffenheit des ersten Eindrucks weicht einer Aufbruchstimmung. Der Dampfer ist zu verlassen. Hände werden geschüttelt, man schließt sich in die Arme, tauscht Adressen, posiert für ein gemeinsames Foto, dann sind Kabinen zu räumen, zieht es Menschen zu ihren Fahrzeugen. Wege, die sich erst vor kurzem kreuzten, trennen sich wieder. Auch wenn die ersten Kilometer an Land noch für alle die gleichen sein werden, fortan geht nahezu jeder seiner eigenen Wege.
Meine Idee, quasi als letzter Seyðisfjörður zu verlassen, dem Pulk hinterher zu fahren, erweist sich als hinfällig. Ich hatte nicht bedacht, dass der Zoll ein wachsames Auge wirft auf die mehr oder weniger voll beladenen Fahrzeuge, die aus dem Schiffsrumpf drängen. Mich winkt man an den Schlangen vor den Abfertigungsschaltern freundlich vorbei. Zwar ist auch mein fahrbarer Untersatz gut bepackt, doch dass Unmengen an Alkohol oder sonstigen nur limitiert einführbaren Lebens- wie Genussmitteln die Taschen füllen, hält man für unrealistisch. Wer mit einem Liegedreirad daher kommt, wird anderes nötiger haben. Das nächste Mal das ich denke: Wow, Island - Respekt. Hier sind Menschen am Werke, die nicht Dienst nach Vorschrift leisten, hier wird mitgedacht. Die Folge? Unbeabsichtigt rücke ich in eine fordere Startposition. Der Versuch, mich an das Ende des Fahrerfeldes fallen zu lassen? Er scheitert. Das Wiederherstellen der ursprünglichen Ordnung im Gepäck sowie ein erstes Frühstück in der Morgensonne nehmen weniger Zeit in Anspruch als die Kontrollen der mit mir Angelandeten – trotz Wasser kochen, Cappuccino schlürfen und Müsli löffeln. Da alles seine Grenzen hat trete ich wieder in die Pedale, noch lange bevor das letzte motorisierte Vehikel inspiziert ist.
Einen Schlenker durch den Ort erspare ich mir. Er erscheint überschaubar. Ich entdecke nichts, was mir eingehender Blicke wert wäre. Ein paar Wohn- und Gästehäuser, Lagerhallen, eine Fabrikanlage, eine Tankstelle? Unscheinbar. Der Reiseführer listet zudem ein Technikmuseum auf sowie zwei Cafés. Auch nichts, was mich im Moment interessiert oder wohin es mich zieht. Es sind andere Dinge, die mich an dem Land reizen.
Meine Bedenken, der Erste in einem Stau zu sein oder ein mehr oder minder stehendes Hindernis darzustellen, erweisen sich als gegenstandslos. Nicht, dass mich die kalte, klare Polarluft beflügelt Rekord verdächtige Geschwindigkeiten zu erreichen, nein, die gut 600 Meter Höhenunterschied, die sich auf zehn Kilometer verteilen, lassen mich eher Gefahr laufen, zu Fuß überholt zu werden. Nichts desto trotz fühle ich mich prächtig bei der Kurbelei im Schneckentempo.
Den ersten Pass bewältige ich ohne schieben zu müssen. Dass die Steigung zwischenzeitlich zehn Prozent erreicht? Macht nichts. Ich habe dennoch meinen Spaß. Es ist ein Festival für die Sinne: Die trockene, frische Luft, der knatscheblaue Himmel, die Sonne, der erste kleine Wasserfall am Straßenrand nach nur vier Kilometern, die Wasser gefluteten Wiesen, die geschlossene Schneedecke ab 400 Meter Höhe, der Blick auf die umliegenden Gipfel vom Pass aus, die Ruhe – überholt mich nicht gerade ein Auto oder kommt mir eines entgegen, ich höre nur mich. Tiefes Atmen, bisweilen auch Keuchen und Schnauben. Bestenfalls rauscht noch irgendwo Wasser. Sonst nichts. Nichts als Stille. Es ist herrlich. Selbst in meinen kühnsten Vorstellungen hatte ich es mir schöner nicht erträumt.
Ganz anders bereits die anschließende Abfahrt. Hinsichtlich des Gefälles unterscheidet sie sich vom Anstieg nicht. Passierte ich steile, enge Kehren bergauf jedoch gefahrlos, so ist es in umgekehrter Richtung deutlich ungemütlicher. Mühelos erreiche ich Geschwindigkeiten von 60 km/h. Eine gefühlte Schallmauer ab der ich mir einbilde, das Fahrzeug sei jenseits davon nicht mehr zu beherrschen. Zudem ein Tempo, das Konzentration erfordert. Meine volle. Einmal nicht aufgepasst und mein Abenteuer Island unterscheidet sich gänzlich von dem, was mir vorschwebt. Die Konsequenz: Ich nehme die beeindruckende Kulisse nur noch sehr beiläufig wahr. Welch ein Frevel!
Als weiteres Manko erweist sich meine Bekleidung. Über T-Shirt und Trikot trage ich eine Jacke. Der Hersteller verkauft sie als Windstopper. Bei dem Fahrtwind hält sie jedoch nicht, was sie verspricht. Ab 30 Stundenkilometern versagt die Eigenschaft, mir den Luftzug vom Körper fern zu halten. Verschwitzt wie ich vom Anstieg noch bin, beginne ich zu frösteln. Entsprechend bleibt mir nur Eines: Ich bremse. Ohnehin nicht verkehrt. Das Problem dabei? Auch zehn Kilometer bergab ziehen sich. Schnell quietschen Beläge auf Scheiben und ich weiß nicht, was effektiver ist: Stotterbremsen? Intervallbremsen? Dauerbremsen? Egal was ich probiere, das Resultat scheint das Gleiche: Eine Geräuschentwicklung, als ziehe jemand im Zug die Notbremse – Metall reibt auf Metall. Ein ohrenbetäubender Lärm. Krach! Stille? Keine Spur. Zudem glühen, zumindest vor meinem geistigen Auge, nur eine handbreit entfernt von meinen Kniescheiben: Die Bremsscheiben. Dass keine Funken sprühen? Ein Wunder. Dennoch, als vor mir ein Auto leicht die Geschwindigkeit reduziert und kurz eine Staubwolke aufwirbelt ist mir klar: Glück gehabt, alles richtig gemacht. Für ein paar Meter unterbricht der Asphalt. Kleiner Absatz, Schotter. Wie es aussieht, ungebremst mit meinem Vehikel in eine derartige Schikane zu rasen? Ich male es mir besser nicht aus.
Nach einer Viertelstunde ist der Spuk überstanden. Glücklich. Vor mir liegt Egilsstaðir, die größte Stadt im Osten Islands. Stadt? Nun ja. Für isländische Verhältnisse vielleicht, für den im Ballungsraum lebenden Mitteleuropäer ein eher überschaubares Örtchen. Bevor ich mich auf die Suche begebe nach Geldautomat, Supermarkt und Campingplatz, brauche ich zunächst einen Moment für mich allein. Durchatmen. Mir ist danach inne zu halten, im Kopf zu sortieren. Innerhalb kürzester Zeit kam einiges zusammen an intensiven Eindrücken. Außerdem: Ich könnte mich mal wieder bei Ute melden, meiner Frau. Sie sitzt Zuhause und hat seit vier Tagen nichts mehr von mir gehört.
Schnell ist sie auf dem Smartphone angetippt. Als die Verbindung steht, bekomme ich kaum ein Wort hervor. Kloß im Hals. Mehrmals muss ich schlucken. Nachdem das Wesentlichste raus ist und ich auflege gibt es kein Halten mehr: Der Druck auf die Tränendrüse ist zu groß. Ich bin einfach überwältigt. Die Anreise mit der Fähre, das Einlaufen in den Fjord, der Schnee bedeckte Pass – Bilder, die erst einmal verarbeitet werden wollen.
Bis ich wieder aufbreche dauert es dennoch nicht lange. So schön der Rastplatz ist, mit seinem bisschen Gestrüpp, der Aussicht über den Ort und keiner Menschenseele um mich herum, er hat einen Haken: Er ist nicht windgeschützt. Es gibt keinen Baum, keine Mauer, keinen Fels. Nichts, wohinter ich mich kauern könnte. Permanent bläst mir einfach nur frische Luft um die Ohren. Nach einer halben Stunde bin ich durchgepustet und habe nur noch ein Verlangen: Raus! Raus aus dem Wind beziehungsweise zurück auf das Rad. Bewegen. Wärme produzieren. Unweigerlich muss ich dabei an Worte denken, die ich vor nicht all zu langer Zeit aufschnappte. Sie sollen mir auch in den nächsten Tagen immer wieder durch den Kopf spuken …

Interessiert, wie es weiter geht beziehungsweise ging?

Verrate ich Dir gerne. Im Buch. Du kannst es als Paperback/Softcover bei mir bestellen, im Buchhandel erwerben oder als E-Book auf Dein Lesegerät herunter laden.

 

 

 

Leserstimmen

Toshi68 schrieb am 29. Dezember 2022 auf amazon.de

Ein alter Traum erwacht wieder

Beim Lesen des Buches wurde ich an einen Traum meiner Jugend erinnert. Einmal mit dem Rad durch Island. Gut, das ist jetzt 35 Jahre, zwei Ehen, drei Kinder und manchen Verlust her. Aber Dirk Prüter gelingt mit der Beschreibung seiner Eindrücke, mir wieder vor Augen zu führen, was wichtig ist im Leben. Ich fahre auch Liegetrike, kann einiges nachvollziehen. Ich habe irgendwann meinen Traum aufgegeben, aber das Buch hat ihn wieder geweckt. Jetzt wird trainiert und geplant. Träume können wahr werden, nicht irgendwann. 2025 soll es sein!

Vielleicht geht es anderen nach der Lektüre auch so.